Der Autor

Thorsten Reiter

Thorsten Reiter

a passion to empower

Mit Vollgas nirgendwo hin – na und?

Immer wieder höre ich in Diskussionen sowie im persönlichen Mentoring, dass eine große Anzahl an Vertretern der Generation Y nicht wissen wohin. Sie sind top ausgebildet, jeder war im Ausland, jeder hat tolle Pratika und jeder war an einer Uni/Hochschule, die in irgendeinem Ranking in irgendwas Weltklasse ist. Aber wohin sie wollen und warum sie das tun, wissen die meisten nicht. Dies allein ist schon eine Geschichte, die es Wert ist, zu erzählen: Denn was noch schlimmer ist, als das Gefühl nicht zu wissen wohin, ist die falsche Annahme, damit alleine zu sein.

Überflieger ohne Navigation?

Überflieger ohne Navigation?

Individuell, planlos und allein

Um die ganzen höchst individualisierten Einzelkämpfer, die ohne kollektive Ideale und Ziele in der bedeutungslosen Konsumgesellschaft umherschwirren, steht es nicht ganz so gut. Zumindest hin und wieder nicht, wenn die Frage aufgeworfen wird: „Ja und was willste‘ dann damit machen?“ „Keine Ahnung.“ Das ist die häufigste Antwort auf diese Frage. Wie ausgeprägt, lang- bzw. kurzfristig sich das „keine Ahnung haben“ auswirkt, variiert natürlich zwischen Personen und über die Zeit hinweg. Das tiefe Unwohlsein, trotz der eigenen „großartigen“ Leistungen (oder eventuell sogar gerade ohne diese) orientierungslos zu sein, nagt an der Persönlichkeit und macht die „Happy-Sharing-Around-The-World-Stimmung“ kaputt – genau wie Putin.

Auch Luxusprobleme sind Probleme

Sarkasmus beiseite: Ich will ich diese Probleme gar nicht trivialisieren, denn auch Luxusprobleme sind echte Probleme. Das faire an unserer Welt ist nämlich, dass genau wie Glück auch Unglück relativ ist. Das bedeutet, dass auch wenn die Probleme einer Wohlstandsgesellschaft, weltweit gesehen keine sind, so sind wir mit unseren 2,35 Autos und 1,5 Immobilien pro Familie nicht glücklicher als jene, die viel weniger haben.

Immer wieder kommen Generationsgenossen auf mich zu, und teilen mir mit, wie verloren sie sich fühlen. Deswegen möchte ich gerne meine Perspektive auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ teilen. Ich hoffe, dass sie dem ein oder anderen etwas Mut macht und sie/ihn motiviert, weiterzumachen – auch ohne Plan. Denn: 1. Du bist nicht alleine, 2. Du kannst nichts dafür und 3. Das ist auch gar nicht schlimm.

1. Du bist nicht alleine

So wenig einzigartig wie wir während unseren Höhenflügen zu sein glauben, so wenig einzigartig sind wir auch dann wenn wir am Boden liegen. Ob das jetzt hilfreich in einer Gesellschaft ist, die um jeden Preis einzigartig, individuell und ganz besonders sein will, weiß ich nicht. Ich glaube aber, gerade wenn es um dieses Thema geht, verschafft es ein wenig Beruhigung, zu wissen, dass es jedem Zweiten so geht. Sich selbst realistisch zu betrachten und alle Illusionen der Einzigartigkeit mal bei Seite zu schieben, muss nicht immer deprimierend sein, sondern kann auch helfen, die Panik etwas zu reduzieren.

Ein falsches Bild der anderen

Hinzu kommt, dass wir – obwohl wir ja so einzigartig sind – uns ständig mit anderen vergleichen. Egal ob durch Success-Stories in irgendwelchen Magazinen oder in 20-Minuten-Intervallen auf Facebook. Das Resultat ist keine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, sondern ein verzerrtes Bild der Realität. Niemand hat ein so problemfreies Leben, wie es der Facebook-Account vermuten lässt. Durch die selektive Zurschaustellung allein der großartigen Momente, wird eine parallele Realität um uns aufgebaut, die keine ist. Sich an ihr zu messen, ist schlicht weg Betrug an der eigenen Persönlichkeit und nur schädlich.

Was darf's denn sein?

Was darf’s denn sein?

2. Du kannst gar nichts dafür

Warum wir nichts dafür können, möchte ich einmal aus entscheidungstheoretischer Perspektive betrachten. Vor jeder Entscheidung zu Handeln, müssen die Optionen ausgewertet werden, gemäß den eigenen Präferenzen. Dies ist der grundlegende Schritt einer jeden fundierten Entscheidung. Und schon hier stecken zwei Probleme der meisten Gen Y’ler verborgen. Erstens: Die Optionen können nicht klar überblickt werden. Und zweitens: Die eigenen Präferenzen können aufgrund des fehlenden Überblicks nicht herausgebildet werden. Das heißt, wer nicht weiß was er will, kann sich nicht dafür entscheiden und wer nicht weiß, was es gibt, kann nicht wissen, was er will.

Fehlende Informationen und Karriere-Bullshit-Bingo

Fehlende Informationen über Berufsfelder, Karrierewege etc. erschweren die grundlegende Ausgangslage noch weiter. Hier konnte auch das in den letzten Jahren unglaublich aufgebauschte Karrieremarketing nicht weiterhelfen. Denn alles, was uns das Marketing suggerieren will ist, dass eine Karriere als Buchprüfer zu täglichen Herausforderungen führt und den Kandidaten über sich selbst hinauswachsen lässt. Das Ganze hat aber leider einen Informationswert von Null und was der Buchprüfer den lieben langen Tag macht, wird trotzdem nicht verraten – vielleicht mit Absicht.

Die Überwindung der Social Desirability

Ein weiteres Problem in der Entscheidungsfindung, ist die sogenannte Social Desirability, also das unwillkürliche Verfärben der eigenen Präferenzen durch soziale Einflüsse von außen. Sprich: Wir wollen oft die Dinge, die alle anderen wollen. Nicht, weil sie sonderlich erstrebenswert sind, sondern weil alle anderen Sie ja auch wollen. Und die Herde kann sich ja nicht irren. Anstatt also selbst nachzudenken, folgt das verlorene Schaf Mensch der Herde. Das ist sicherer und mit weniger Aufwand verbunden. Sich von äußeren Einflüssen frei zu machen, ist aber nicht nur unglaublich schwer, sondern auch unerlässlich. Dies gilt zumindest für Entscheidungen, die entlang der Paramente getroffen werden sollen, die den Entscheider selbst glücklich machen. Wir müssen uns also fragen, was wir selbst wollen – losgelöst von dem, was andere wollen.

3. Das ist auch gar nicht schlimm

Kommen wir zum letzten Punkt: Das Ganze ist (obwohl wir anerkennen müssen, dass es ein reales Problem ist) überhaupt nicht schlimm. Jemandem, der wie im oben genannten Text ausgebildet ist, wird das eigene Leben nicht mehr komplett engleisen, nur weil er oder sie mal nicht weiß, wohin oder warum. Und selbst jene, die es erst im zweiten, dritten oder vierten Anlauf hinkriegen, sind nicht verloren. Die Tatsache, dass sie in einem freien westlichen Land aufgewachsen sind, in dem die Wirtschaft auch noch robust funktioniert, bietet unzählige Chancen. Jeder findet irgendwann seine Nische.

Das Leben ist kein Facebook-Profil

Und selbst wer umgeben ist von Menschen, die ihre Entscheidungen ohne Zögern treffen, sollte sich bewusst sein, dass die meisten Entscheidungen nur das Ergreifen gebotener Chancen sind. Eine „richtige“ Entscheidung wird tatsächlich immer erst im Nachhinein, durch Rechtfertigung mit diesem Prädikat geadelt. Nicht umsonst sagte Jobs, dass „die Dots nur in Retrospektive connecten werden können“. Was er eigentlich meinte war: „Jetzt bin ich erfolgreich und alles was ich bisher gemacht habe, habe ich vor meinem Erfolg gemacht und daher muss es ja auch irgendwie etwas mit meinem Erfolg zu tun haben – oder nicht?! Naja, jedenfalls macht es meine Rede besser.“

Alles andere ist ein Zurechtlegen des eignen Lebenslaufes in einer willkürlichen Abfolge oder um die Illusion zu stärken, das eigene Leben ließe sich planen. Was wir im Zeitalter der professionalisierten Selbstdarstellung allerdings vergessen ist, dass sich das Leben eben nicht planen lässt. Das Leben ist schließlich kein Facebook-Profil.

Kein Stress!

Kein Stress!

So what?

Natürlich ist es großartig, wenn es junge Menschen gibt, die ganz genau wissen wohin es gehen soll. Doch auch sie sind von den Enttäuschungen, die eigenen Ziele mal nicht zu erreichen sowie beim Erreichen der Ziele festzustellen, dass sie gar nicht so erstrebenswert waren, auch nicht gefeit. Jeder sucht nach Chancen für sich selbst und ist dadurch aufmerksam, was um ihn geschieht. Daran ist nichts verkehrt. Es macht aber auch angreifbar für jene, die diese Suchenden ausnutzen wollen. Hier großen Versprechungen auf den Leim zu gehen, ist eine reale Gefahr.

Manchmal ist es für die eigene Motivation gar nicht so wichtig zu wissen, wie genau das eigene Leben einmal aussehen soll. Oft reicht es, zu wissen, wie es sich einmal anfühlen soll. Das gibt eine grobe Richtung vor und schütze vor Entwicklungen in die komplett falsche Richtung.

Aus Zweifel Fragen machen

Wenn wir unsere Wahrnehmung umstellen von dem Sammeln möglichst zahlreicher Errungenschaften hin zum Sammeln von Erfahrungen, sind wir auf dem richtigen Weg. Denn niemand kann uns diese Erfahrungen, Erkenntnisse, Freundschaften oder Netzwerke wieder nehmen. Wir tragen sie jederzeit und überall mit uns mit. So entsteht ein weiches Kissen, das uns schützt, sollten wir einmal stürzen. Das macht frei, auch mal ein Risiko einzugehen, Neues zu erleben und die Angst vor der nächsten Entscheidung hinter sich zu lassen. So verschwinden die Zweifel über die eigene Zukunft zwar nicht, aber sie verwandeln sich in Fragen – diese sind viel harmloser und vor allem kostenfrei.

Wenn Erfahrungen unter Vollgas nicht auf der Strecke bleiben und die Intensität des Lebens ebenfalls ausgereizt wird, sind wir alle dabei, uns ein sehr angenehmes Leben aufzubauen. Stück für Stück mit Nischen und genug Raum, für spontane Planänderungen. Vielleicht schaffen wir es mit der Zeit sogar, uns weniger darüber zu definieren, was uns unterscheidet und mehr über das, was uns verbindet.

 

“Was denken Sie über die Generation Y” – ein Rundumschlag

Vor einiger Zeit wurde ich von einer Generationsgenossin zu „meiner Meinung über das Thema Generation Y“ gefragt. Sie interessiere sich für das Thema aufgrund ihrer Tätigkeit bei einem Magazin und da die Frage nicht näher spezifiziert war, holte ich zu einem Rundumschlag aus. Die Arbeitswelt der Generation Y, das internationale Spannungsfeld in dem sie sich befindet sowie erste Prognosen für die Zukunft kamen hierbei auf meine rhetorische Richtbank. Der Text ist lang, wiederholt einige Punkte die ich bereits zuvor auf meinem Blog gemacht habe und ich poste ihn trotzdem: Alles andere wäre fatal. Viel Spaß beim Lesen.

Generation Y – eine Ikone

Generation Atlas?

Generation Atlas?

Seit einiger Zeit schon beschäftigen sich deutsche Personal- und Recruitingabteilungen großer Konzerne mit dem Thema Generation Y. Im letzten Jahr ist das Thema auch in den populären Medien angekommen und hat eine breite Öffentlichkeit mit etwas vertraut gemacht, wovon viele nie zuvor gehört hatten. Denn selbst Vertreter dieser Generation können oft nichts mit dem Begriff anfangen. Dieser Umstand ist bezeichnend für die Umgangsweise mit der Thematik: es wird viel über aber selten mit der Generation Y gesprochen. Auch wenn sich dies langsam ändert und sich durch den Dialog einige Vorurteile berichtigt haben sowie neue Eigenheiten dieser Generation zum Vorschein kamen, ist diese „neue“ Generation mit all ihren Eigenheiten eines schon jetzt: eine Ikone. Denn so sehr stilisiert wurden einst nur die 68er, was großes Potential entfesseln kann aber auch einige Risiken birgt.

Der Generation Y wird nachgesagt, dass sie durch ihre Erziehung und das Erwachsenwerden in einer freien westlichen Gesellschaft –  ohne materielle oder existenzielle Sorgen – andere Werte entwickelt hat, als Vorgängergenerationen. Die Aufopferung des Vaters für die Firma hatte Luxus und Wohlstand mit sich gebracht, es fehlte aber an Zeit und Priorisierung der Familie. Die von Kind auf abtrainierte „Hörigkeit“ gegenüber Autoritäten, die sich ausschließlich auf Ihre Seniorität stützen, ist hier nur ein Punkt, mit dem die Generation Y aneckt. Hinzu kommen die durch die Popkultur und den allgemeinen „westlich-modernen“ Erziehungsstil geschürte Kompromisslosigkeit und ein tiefer Idealismus. Anstelle von Träumen von Haus, Boot und Karriere treten Reisen, Freizeit mit Freunden und Familie sowie individuelle Entfaltungsmöglichkeiten.

Auswirkung auf die Arbeitswelt

Diese Eigenheiten, wirken sich auf alle Bereiche des operativen Geschäftes von Unternehmen aus. Da die Generation Y noch relativ am Anfang ihrer Karrierelaufbahn steht, sind zurzeit natürlich personaltechnische Fragen besonders interessant. Im Laufe der Zeit wird sich der Fokus der Diskussion verschieben, hin zu operativen sowie Führungsfragen. Wenn wir uns die Strukturen und Funktionsweisen der Betriebe im 20sten Jahrhundert und im ersten Jahrzehnt des aktuellen ansehen, so wirken die nachgesagten Eigenschaften der Generation Y sicherlich wie Sand im Getriebe und sind alles andere als Garant für einen Produktivitätsboom. Im Gegenteil, wenn Generationenkräfte in gegensätzliche Richtungen arbeiten, führt dies sicherlich zu Reibungsverlusten.

Die Frage ist aber, ob wir uns diese traditionelle Funktionsweise noch leisten können und wollen? Außerdem die Frage, wie die Generation Y ihre „Besonderheiten“ einbringt bzw. wie die existierende Arbeitswelt diese aufnimmt und zum gemeinsamen Vorteil nutzt. Denn zusätzlich zu den  Unterschieden zu früheren Arbeitnehmer kommt erschwerend hinzu, dass die Generation Y besonders durch ihre Heterogenität auffällt – in sich und zwischen einzelnen Ländern.

Generation Work-Life-Party?

Generation Work-Life-Party? (Foto: I. Haxhi-Kristo)

Die Generation Y – alles andere als homogen

Trotz globaler Kommunikation ist das Verständnis, was es bedeutet ein Vertreter der Generation Y zu sein, auf verschiedenen Flecken der Erde bei weitem nicht dasselbe. Die Generation Y ist ein Produkt ihres Umfelds und so sind ihre Eigenschaften je nach Umfeld unterschiedlich. Ich möchte gerne drei Beispiele nennen: Die Machtposition der Generation Y, die Themen der Generation Y und die Wünsche der Generation Y.

Während der demographische Wandeln in Deutschland diese bereits von Haus aus sehr selbstbewussten Generation in die Karten spielt, können junge Arbeitnehmer von diese Zuständen in anderen Teilen der Welt nur träumen. Vertreter der Generation Y in Indien oder China sehen sich einem Kampf um eine geringe langsam steigende Anzahl an Arbeitsplätzen gegenüber – egal wie hochqualifiziert sie sind. Ebenso kann ein wirtschaftlich schwaches Land wir Spanien seinen jungen Arbeitnehmern keine Zukunft bieten – hier geht es für Vertreter der Generation Y um die bloße Existenz. In den USA hängt es von der individuellen Ausbildung  des potentiellen Arbeitnehmers ab, ob und wie sehr er sich Ansprüche leisten und diese beim Arbeitgeber seiner Wahl durchsetzen kann.

Zusätzlich jedoch gilt auch für Deutschland, dass das verschobene Machtverhältnis zugunsten topausgebildeter Arbeitnehmer nur bedingt mit den Vertretern der Generation Y zu tun hat. Die Spitze der hochqualifizierten Arbeitnehmer musste sich noch nie Gedanken um Anstellung machen. Je nach Einschätzung des eigenen Wertes für das gewählte Unternehmen, steigen oder fallen die Ansprüche. Durch den demographischen Wandel und die resultierende Knappheit an Fachkräften, definieren wir „die Spitze“ heute jedoch weiter und das teilweise auch extern geschürte Selbstbewusstsein der Generation Y setzt hier noch einmal nach. Große Unternehmen haben hierzulande jedoch bereits lange festgestellt, dass sie sich mitten im „War for Talents“ befinden und passen ihre Angebote entsprechend an. Der Mittelstand ist hier wesentlich uneinheitlicher für diese Herausforderungen gewappnet.

Generation Global?

Generation Global?

Bleiben wir aber noch einen Moment im Vergleich mit den USA. Kulturelle Unterschiede haben selbstverständlich auch eine Auswirkung auf die Themen der Generation Y. Eine Forderung der deutschen Generation Y ist beispielsweise das sogenannte Work-Life-Blending, bei dem nicht nur noch „gelebt“ und „gearbeitet“ wird – wie durch die Work-Life-Balance suggeriert – sondern eine Vermischung der Arbeits- und Freizeit. Das Ziel ist ein Gesamtkonstrukt, das maximale persönliche Entfaltung des Individuums gewährleistet – trotz beruflicher Verpflichtungen. Eine solche Forderung entspringt einer hoch produktiven Arbeitskultur, die strikt zwischen Arbeits- und Freizeit trennt, dies aber mit entsprechend vielen Urlaubs- und freien Tagen vergütet. In den USA, einem Land mit längeren Arbeitszeiten und einer wesentliche geringeren Anzahl an Urlaubstagen, ist eine Vermischung des beruflichen und privaten Lebens daher fast schon vorprogrammiert. Die Tatsache, dass dort ein sogenanntes Work-Life-Blending also bereits schon je her zu einem gewissen Grad praktiziert wird, würde eine solche Forderung nicht annähernd so „revolutionär“ erscheinen lassen, wie hierzulande.

Doch selbst, wenn wir uns die Generation Y innerhalb Deutschlands ansehen, müssen wir feststellen, dass wir kein einheitliches Bild zeichnen können. Auf der einen Seite haben wir die freiheitsliebenden Individualisten, die sich lieber selbstständig machen als „für jemand anderen zu arbeiten“. Sie passen gänzlich in das populäre Bild vom post-materialistischen Idealisten, der lieber an seinen eigenen Träumen zu seinen eigenen Bedingungen arbeitet, als sich für einen Großkonzern zu „versklaven“. Auf der anderen Seite stellen wir jedoch fest, dass ebenso viele Vertreter dieser Generation so angepasst sind, wie kaum eine ihrer Vorgängergenerationen. Gerade bei der sogenannten „Spitze“ ist die Ausrichtung des eigenen Lebens an Karriere und einem lückenlosen Lebenslauf besonders ausgeprägt. Diese „Angst vor dem Scheitern bei so guten Chancen“ scheint nicht vereinbar mit den paradiesischen Aussichten auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Das Studium wird mit Ausland vollgepackt und durchgezogen, die Semesterferien mit Praktika zugestopft und es wird sich qualifiziert was das Zeug hält.

Generation Local?

Generation Local?

Äußerst angepasst oder so verschieden, dass nur der Weg in die Selbstständigkeit hilft – die Generation Y ist extrem und extrem unterschiedlich. Ich kann mir nicht anmaßen für eine ganze Generation zu sprechen aber von einem bin ich überzeugt: Diese Generation ist äußerst informiert und weitsichtig – vielleicht mehr als dies jemals eine Generation von ihr war. Sie können ihre Wünsche und Abneigungen sehr gut formulieren und diese entsprechend relativieren. Hierdurch werden sie zu hervorragenden Gesprächs- und Verhandlungspartnern. Firmen sollten sich genau dessen bewusst sein und den Vertretern der Generation Y auf Augenhöhe begegnen, sodass das Resultat für alle beteiligten optimiert werden kann – egal wie unterschiedlich ihre einzelnen Vertreter auch sein mögen.

Die Arbeitswelt der Generation Y in 20 Jahren

Schauen wir uns die Trends dieser Generation einmal an, können wir versuchen einige Vorhersagen zu ihrem Arbeitsalltag in 20 Jahren zu treffen. Arbeit wird wesentlich dezentraler stattfinden, gestützt durch professionelle sowie private Netzwerke. Ein guter Freund von mir, der in New York seine erste Stelle angetreten hat, arbeitet schon heute den größten Teil seiner Zeit von seinem Appartement aus. Dieser „Komfort“ kommt auf der anderen Seite jedoch mit einer erschwerten sozialen Kontaktaufnahme einher. Daher verlässt er sich auch hier auf entsprechende soziale Netzwerke, um dies auszugleichen.

Diese Netzwerkorientierung lässt sich auch auf die Unternehmenslandschaft in 20 Jahren übersetzen. Da ich mich besonders mit dem Thema Unternehmertum beschäftige, halte ich die Idee von vernetzten, hochspezialisierten und relativ kleinen Unternehmen äußerst spannend und realistisch. Vollständiger Zugang zu Informationen und erhöhter Wettbewerb, lassen den Druck auf alle Marktteilnehmer steigen. Große Firmen, ohne entsprechende Spezialisierung können nach klassischer Ausrichtung nicht mitthalten, da Entscheidungswege zu lang sind und entsprechende Risiken von Anteilseignern nicht getragen werden. Hier stellen dichte Netzwerke von kleinen, flexiblen Firmen oder einzelnen Unternehmern zukunftsfähige Ansätze dar.

Generation...jetzt sind mir die Bildtitel asugegangen.

Generation…jetzt sind mir die Bildtitel asugegangen.

Eine interessante Frage wird auch sein, wie sich die Beziehung von Mensch und Arbeitswelt verändern wird. Ob weniger gearbeitet oder die Arbeit facettenreicher wird, lässt sich abwarten. Dennoch stellen wir fest, dass heute ein großer Teil der Produktivität sowie der Vielfältigkeit des individuellen Arbeitnehmers nicht genutzt wird. Die Masse an produktiven Tätigkeiten außerhalb konventioneller Arbeitsbeziehungen, die sich vor allem im Internet darstellt, ist Beweis von nicht genutztem Potential. Wie Firmen diese „Talente“ der eigenen Mitarbeiter nutzen können, wird eine spannende Frage werden und in 20 Jahren hoffentlich geklärt sein.

Wird sie halten, was wir ihr zusprechen?

Ob die so vielseitig diskutierten Charakteristika der Generation Y wirklich zu Innovationen und sozialen wie ökologischen Revolutionen führen werden,  steht für mich in den Sternen. Die Generation Y ist schon jetzt eine höchst stilisierte Generation, eine Ikone, die unmöglich das halten kann, was ihr zugesprochen wird. Sie kann aber auch unmöglich so zerstörerische Auswirkungen haben, wie es ihre Kritiker fürchten. Fakt ist, dass diese Generation großes Potential in sich trägt. Potential aber „kann“ – muss nur leider nichts heißen. Denn gepaart mit großem prinzipiellem Idealismus kommt auch eine lethargisch-angepasste durch den individualisierten Konsum geförderte Isolation einher. Ich denke es liegt an allen Beteiligten offen für neue Ansätze zu bleiben und dennoch nicht blind jedem Trend zu folgen. So können wir gemeinsam eine Zukunft schaffen, in der alle Generationen gemeinsam gerne leben und arbeiten.

Was denkst DU über die Generation Y? Kommentare und Diskussionen erwünscht! Holt zum Rundumschlag aus! 

Gute Vorsätze für 2014: Work-Life-Blending vs. 4-Tage-Woche – auf jeden Fall weniger Arbeit!

Die Generation Y meckert ungebrochen am Status-Quo der Arbeitswelt. Bestärkt durch die gute Wirtschaftslage, gefördert durch das deutsche Bildungssystem und begünstigt durch den demografischen Wandel fühlt sie sich so stark wir nie, ihre Vorstellungen mittelfristig umsetzen zu können. Eine dieser Forderungen ist das sogenannte „Work-Life-Blending“, bei dem die Arbeit an den Bedürfnissen des einzelnen Ausgerichtet wird, sodass sie in das Alltagsleben integriert werden kann. Im Folgenden möchte ich diese Forderung einmal kritisch begutachten und stattdessen ein altes Konzept heraus kramen, das mein guter Vorsatz für 2014 wird: Weniger arbeiten!

German-World-Problems

Work-Life-Blending

Eine Forderung, die die Vertreter der Generation Y immer wieder formulieren, ist die Aufhebung der Trennung von strikter Arbeit und striktem „Leben“. Stattdessen soll diese mit dem persönlichen Leben verschmelzen und die Ypsilanten als Individuen im Gesamtkunstwerk aufgehen lassen. Der schöne Gedanke: Wenn zwischen „leben“ und „arbeiten“ nicht mehr unterschieden werden muss, erschaffen wir uns das „Freizeitparadies“ auf Erden.

Dies ist eine Forderung die hauptsächlich in Deutschland gestellt wird und in anderen Ländern – wie den USA – GenYlern völlig fremd ist. Warum ist das so? Nun – vor allem, weil das sogenannte „Work-Life-Blending“ dort bereits seit Jahrzehnten Gang und Gebe ist. Eine Kultur, die mit einem Anspruch auf lediglich 5 Tage bezahltem Urlaub im Jahr ins Berufsleben startet, ist auf ein solches Konzept angewiesen. (Zum Vergleich: In Deutschland sind es manchmal bis zu 30 Tagen!!!) Am Vormittag nochmal kurz zum Zahnarzt, weil in drei Monaten kein Termin zu kriegen ist, Lunch mit den Friends kann schon mal 2 Stunden dauern und die Telefonate mit der Fiancé zwecks Hochzeitsplanung können auf keinen Fall bis zum Abend warten.

Weniger Arbeit und mehr Produktivität

All das ist in Deutschland verpönt. Das Handy während der Arbeitszeit checken ist nicht und auch die Mittagspause bitte pünktlich beenden. Und wer zum Arzt muss – das geht auch an Urlaubstagen. Natürlich ist diese Darstellung etwas überspritzt, dennoch lassen sich die beiden Kulturen so recht gut vergleichen. Das Ende vom Lied ist jedoch ebenso bekannt wie überzeugend: Wir Deutsche arbeiten weniger, sind jedoch wesentlich produktiver als unsere angelsächsischen Freunde. Warum? Wir lieben Effizienz und das nicht nur bei unseren geliebten Maschinen. Die Fokussierung auf die Tätigkeit und die oben beschriebene Stränge, tragen genau hierzu bei. Die gesteigerte Produktivität liegt vor allem an der effizient genutzten Arbeitszeit. Ist das lustig und macht Spaß? Nein. Aber es bringt Geld ins Haus. Da freut sich Mustermann und Merkel.

Die Gefahren von Work-Life-Blending

Genau hier könnte das „Work-Life-Blending“ zu nicht gewollten Resultaten führen. Auf der einen Seite steht der Mensch, der irgendwann nicht nur nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden muss – sondern dies gar nicht mehr kann. Eine ständige Erreichbarkeit auch nach Feierabend, permanentes Aufarbeiten der Tagesaufgaben im Kopf und eine Belastung des gesamten Lebens durch stressige Phasen im Job könnten die Folge sein. Über Feiertage, Wochenenden, Feierabende und Ferien hinweg könnte sich der Job dann breit machen. Gesteigerte Ausfallraten, geringere Motivation und ein gestörtes Privatleben wären möglich.

Auch wenn sich der erste Teil mehr oder weniger im Feld der Spekulationen befindet, so sind die Folgen für die Unternehmensseite relativ schnell ersichtlich. Würden wir mit der existierenden Arbeitszeit ein „Work-Life-Blending“ einführen, würde dies in einer erheblichen Reduktion der Effizienz und somit der gesamten Produktivität der deutschen Wirtschaft führen. Es wird weniger Output generiert, Arbeitsplätze müssen abgebaut werden und von dem guten Wirtschafsklima können wir uns auch verabschieden.

Wird das Konzept „Work-Life-Blending“ also nicht entsprechend zu Ende gedacht, könnte aus dem schönen Gedanken von Kompatibilität der Frei- und Arbeitszeit eine Negativsummenspiel werden, das nur Verlierer kennt. Das findet dann Mustermann ebenso doof, wie Merkel.

Arbeit ist (nur) das halbe Leben…

Dabei gibt es einen viel simpleren Weg zu mehr Raum für persönliche Entfaltung und erhöhter Lebensqualität: weniger Arbeit! Ich bin nicht der Erste, der die Idee der 4-Tage-Woche aufbringt, allerdings muss ich mich fragen: Warum arbeiten wir denn immer noch 5 Tage in der Woche? Wer hatte denn bitteschön diese dämliche Idee 5 von 7 Tagen mit Arbeit zu verbringen?!?! Wäre ich nicht mit diesem Konzept aufgewachsen und würde sich nicht mein komplettes soziales Umfeld diesem beugen, so hielte ich das für einen verdammt schlechten Deal. 5 von 7 Tagen! Das sind mehr als 70% meines Lebens! Hallo?

Echte Alternativen?

Anstatt nun auch noch die restliche Zeit durch Work-Life-Blending mit in die Arbeitszeit einzugliedern, plädiere ich daher eher für eine Reduktion der Arbeitszeit auf 4 Tage in der Woche (erstmal). Arbeiten wir doch lieber von 8 bis 19 Uhr an vier Tagen der Woche (die meisten von uns arbeiten sowieso länger als das und zwar an 5 von 7 Tagen!!!) und haben dann FREItag frei – plus das gesamte Wochenende. Somit haben wir genug Zeit zur Erholung und können an drei freien Tagen eigenen Projekten nachgehen. Dies wiederum resultiert in einer gesteigerten Produktivität an den vier Arbeitstagen, mehr Motivation und langfristig (achtung haltlose Prognose!) gesteigertes Wachstum!

Viel zu lange befinden wir uns in der negativen Spirale von gesteigerter Produktivität durch Technologie, resultierendem Arbeitsplatzabbau und längeren Arbeitszeiten. Aber muss das sein? Lassen wir es doch gut sein, halten den Output konstant (oder fahren das Wachstum etwas herunter) und entlasten stattdessen die persönlichen Anforderungen an jeden Arbeitnehmer.

Überraschung: Deutschland ist kein Entwicklungsland

Wir leben in Deutschland in einer entwickelten Gesellschaft (zumindest dem Wohlstand nach). In einer solchen, müssen Ansprüche an das tägliche Leben sowie das Arbeitsumfeld entsprechend nachziehen. Wann immer es um „Luxusprobleme“ wie „zu viel Arbeit“ geht, schauen wir mahnend nach Ost und West um Vergleiche anzustellen, mit denen „die da aufholen“ bzw. schon jetzt viel innovativer sind und sowieso mehr arbeiten. Vergleiche, die jeder gerne anstellen kann, die jeder aber ebenso gerne als irrelevant bezeichnen darf. Schauen wir doch lieber nach Nord und Süd – besonders nach Nord. Die skandinavischen Länder sind uns schon lange um Welten voraus, wenn es um gesellschaftliche Modelle geht, die der Allgemeinheit ein besseres Leben verschaffen. Hohe Produktivität, Sauna und weniger Arbeit. Warum nicht auch hier?

Mein guter Vorsatz für 2014 ist klar: Weniger Arbeit. Ob durch Work-Life-Blending oder 4-Tage-Woche, das Wichtigste ist, dass der Mensch in einer entwickelten Gesellschaft genug Zeit und Energie hat, sich selbst zu verwirklichen und den Dingen nachzugehen, die ihm Freude bereiten. Denn, nur mal zur Erinnerung: Das war ja der Punkt des ganzen Aufwandes, der Industrialisierung und des Fortschritts und allem: Ein besseres Leben in Frieden und Wohlstand. Ich finde wir sind auf einem guten Weg und es lohnt sich konsequent weiterzugehen.

Happy New Year!

Ich wünsche allen Lesern einen guten Rutsch, ein frohes neues Jahr 2014 und dass wir alle dem Frieden und Wohlstand ein Stückchen näher kommen.

 „Aber! Aber! Aber!“ und warum es niemals dazu kommen wird

Ach… wären das schöne letzte Worte gewesen. Leider muss ich aber nochmal nachhaken. Ich kann schon die Fragen hören: „Meinst du das ernst?!“ „Aber das geht doch nicht! Was ist mit dem Wettbewerb, China und dem Rest der BRICs?“ Um dem vorwegzugreifen: Wie immer präsentiere ich hier nur Gedanken, die gerne diskutiert werden können. Ja, die Vor- und Nachteile beider Modelle halte ich für realistisch und dass weniger Arbeiten besser ist als mehr, ist ja wohl äußerst eingängig. Das Problem jedoch fängt schon beim Verfasser dieses Textes an, der selbst weder Wochenenden noch Urlaub kennt und von daher ist „weniger Arbeit“ auch für mich persönlich ein Ziel für 2014.

National oder gar global betrachtet, ist der Kapitalismus jedoch tatsächlich ein Wettbewerb. Um die gesamte Maschinerie abzukühlen und herunterzufahren, braucht es eine kritische Masse an Pionieren, die von sich aus kürzer treten. Sind dies Individuen, kommen sie wahrscheinlich nie an Führungspositionen in Unternehmen, um ihre Konzepte durchzusetzen. Handelt es sich um Unternehmen, werden diese vom Markt verschwinden, wachsen sie freiwillig anstatt 20% nur noch um 15%. Bei Staaten lauert der Bankrott und der Sog in die allgemeine Schieflage.

Um solche (prinzipiell wirklich beachtenswerten) Gedankengänge in Realitäten umzuwandeln, braucht es daher tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft und ihrer Kultur. Die Welt ist ein heterogener Ort und während die Generation Y und ihre Querelen hierzulande ein heißes Thema darstellen, dem ganze Kongresse gewidmet werden, könnte in Indien damit niemand einen Blumentopf gewinnen. Selbst in den USA ist die Thematik (hinsichtlich ihrer transformatorischen Eigenschaften was den Arbeitsmarkt betrifft) nicht mal annähernd so akut wie in Deutschland. Von daher verhält es sich mit diesem guten Vorsatz wie mit den meisten: Spätestens Mitte Januar ist alles wieder vergessen und vorbei – und das Hamsterrad dreht sich wie gewohnt weiter.

Deutschland – Land der Pioniere

Dies können aber auch auf keinen Fall die letzten Worte sein, die ich in diesem so großartigen und wichtigen Jahr 2013 veröffentliche. Schon aus Prinzip nicht! Deshalb folgender und letzter Gedanke:

Vielleicht hat ein Land, das sich trotz aller Widrigkeiten dazu entscheidet, das erste Land zu werden, das sich komplett durch regenerative Energien versorgt, Potential für noch Größeres. Vielleicht können Deutschland und wir alle unseren Teil dazu beitragen, dass unser Land tatsächlich ein Zukunftsstaat wird, indem wir alle gerne Leben und Arbeiten. Und auch wenn ich die Faktoren – so wie sie sind – rational anerkennen und die geringen Chancen auf Veränderung eingestehen muss, so darf ich dennoch eines: hoffen.

Auf ein hoffnungsvolles Jahr 2014 – Cheers!

Generation Y als “Heilsbringer” – Newsletter von Karriere.de

News in eigener Sache: Heute ist der neue Newsletter von Karriere.de erschienen. Darauf ein kleiner Beitrag von mir bezüglich der “Heilsbringer Generation” und Führungskräfte. Hier geht’s zum Letter.

Newsletter Karriere.de – Zeichen setzen

Der Silikonanteil steigt – Deutschlands Startups stellen ein!

Immer mehr Vertreter der Generation Y träumen den Traum vom Startup. Egal ob selbst gründen oder möglichst früh beim nächsten Facebook einsteigen – der Lebensstil verspricht Erfolg mit Spaßfaktor. Und das alles weit weg vom bürokratischen Mief der Unternehmen des 20sten Jahrhunderts. Dass dieser Traum immer größere Chancen auf Erfüllung hat, zeigt eine aktuelle Studie der Job-Suchmaschine Adzuna: Im November 2013 gibt es in Deutschland über 1.000 offene Stellen – ausgeschrieben von Startups in Bayern, NRW und vor allem: Berlin. Höchste Zeit für Top-Talente ordentlich abzukassieren, denn es herrscht immer noch der War for Talents!

Jobs! Jobs! Jobs!

LOOK AT ALL THE JOBS

Look at all the Jobs!

Während sich meine Amerikanischen Freunde hier „einfach nur nen Job … irgendeinen Job“ wünschen, scheint in der Republik mit Stellen nur so um sich geschmissen zu werden! Gut, das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, es gibt aber dennoch Grund zur guten Laune – gerade für Startup-Fans: Laut Adzuna gibt es aktuell 1.117 offene Stellen bei deutschen Startups, was einen Anstieg von fast 40% im letzten halben Jahr bedeutet.

Damit baut Deutschland seine Startup-Szene weiter aus und bestätigt seine Rolle im internationalen Umfeld. Denn viele Startups werden hierzulande nicht nur von Deutschen Investoren gefördert sondern zunehmend auch von Investoren aus dem Ausland. Gerade für Vertreter der Generation Y ist dies ein gutes Zeichen. Immer mehr Bachelor-Absolventen äußern den Wunsch ihr Gap-Year bei einem Startup zu verbringen. Die Hoffnung ist einmal selbst ein Teil von „Work hard, play hard“ zu sein und vor allem zu testen, ob dies eine langfristige Karriereoption darstellt. Da kommen die neuen Stellen gerade recht.

The Berlin Valley

Wer nun aber hofft bei Mama kostenlos unterzukommen und dabei schwäbische Brezeln zu knuspern, wird enttäuscht. Die Hochburg der deutschen Startup-Szene ist und bleibt Berlin. Von den ausgeschrieben Stellen der Startups befinden sich 289 und damit 26% in der Hauptstadt. Ein dichtes Netzwerk rund um Investoren, Gründer sowie der kreativ-gesteigerte Gedankenaustausch, machen einen Umzug in diese Gegend auch für Mitarbeiter auf Zeit interessant, die lediglich auf ihre eigene große Chance warten.

Wer ein Problem mit der Hauptstadtkultur hat, sollte von Spätzle-Attacken auf das Denkmal am Kollwitzplatz absehen und sich lieber im Weißwurstäquator, bei den Hanseaten oder im Rheinland umsehen. Laut Adzuna sind die Regionen Bayern, Hamburg und NRW  ebenfalls attraktiv und befinden sich im Wachstum, wenn es um Jobs in der Startup-Szene geht – insgesamt 429 Jobs sind hier ausgeschrieben. Dies ist sicherlich eine Überlegung wert, denn die „geheime Hauptstadt“ bietet mit weißen Brühwürsten und Weißbier eine echt Alternative zu Currywurst und Döner. Für die Befriedigung der kulinarischen Bedürfnisse des Startup-Karrieristen ist jedenfalls auf beiden Enden der Republik gesorgt.

The War for Talents

Der Krieg ums Talent spielt den Jobeinsteigern weiterhin in die Karten. Gerade was die IT angeht, haben die High Potentials in diesem Gebiet gute Chancen – nicht nur auf einen Job (das wäre ja zu wenig verlangt!) sondern auch auf entsprechende Entlohnung plus Signing-Bonus. Denn laut Adzuna kommen auf 21.000 Hochschulabsolventen im Bereich IT 65.000 offene Stellen in der IT-Branche. Zusätzlich zu diesen verschobenen Machtverhältnissen machen die jungen Startups den etablierten Unternehmen das Leben zusätzlich schwer. Sie stehen nämlich im direkten Wettbewerb um diese jungen Talente. Hier lassen sich entsprechende Renditen auf dem Weg zum Nachfrage/Angebots-Equilibrium erahnen! Also an alle ITler da draußen: Zurück aus dem Urlaub und ab in den Job! Die pralle Sonne ist für die blasse Haut sowieso nicht gesund!

Denn gerade Startups mit entsprechend viel Investorenkapital in der Tasche, lassen für ihre Haus-Nerds einiges springen. Wer Glück hat, bekommt einen brandneuen Audi gleich zum Vertrag dazu. 23% der offenen Stellen in der Startup-Branche verlangen nach IT-Wissen und hier vor allem nach dem Programmiersprachen C++, SQL, Java und PHP. Wer sich jedoch nicht auf diese alten Pferde satteln möchte, kann sich entsprechend um Kenntnisse in Python sowie Ruby bemühen. Die Nachfrage nach diesen beiden Sprachen ist laut Adzuna jeweils um 26% sowie 31% gewachsen, was sie zu den Programmiersprachen mit dem größten Wachstum macht.

STARTUPS

Startups

Aber was ist mit denen, die nicht in Zahlen und „<%&#@“ sprechen sondern in tatsächlichen Worten? Keine Sorge: auch für diese Talente haben die Startups Verwendung. Die Bereiche PR, Werbung sowie Marketing sind gleich stark gefragt: 23% der Jobausschreibungen verlangen nach entsprechenden Vorkenntnissen. Laut Adzuna ist dies ein gutes Signal für Quereinsteiger in die Branche!

Die Startups, die am meisten neuer Mitarbeiter einstellen, sind Zalando, GlossyBox und Home24, die zusammen für insgesamt 162 der ausgeschrieben Stellen verantwortlich sind. Diese von Inkubatoren ins Leben gerufene Startups zeigen laut Adzuna, dass Berliner Inkubatoren entsprechende Job-Maschinen darstellen. Zalando, GlossyBox und ad2games alleine haben zusammen fast 200 offene Stellen ausgeschrieben, so die Studie.

Gut für dich. Gut für mich. Gut für Deutschland

Wie wichtig neue Gründungen für die deutsche Wirtschaft sowie die Gesellschaft sind, habe ich in vorherigen Beiträgen bereits beschrieben. Sie schaffen nicht nur Arbeit sondern entlasten Systemrelevanzen, während sie gleichzeitig zur Diversifikation des Risikos durch Schocks (wie zum Beispiel durch die Finanzkrise 2008 ausgelöst) beitragen. Natürlich kommt keine Alternative ohne Pros und Contras daher – so auch nicht diese Jobalternative für die jungen Arbeitnehmer.

Matthias Lissner, Country Manager Germany bei Adzuna, kommentiert hierzu: „Diese aktuellen Zahlen verdeutlichen, dass die deutsche Startup-Branche erwachsen geworden ist. Wir haben in Deutschland eine ganze Zahl von gut finanzierten, profitablen Startups, welche es als Arbeitgeber durchaus mit etablierten Unternehmen aufnehmen können. Es versteht sich von selbst, dass Startups in der Regel nicht die gleichen Gehälter wie große Unternehmen zahlen können; allerdings bieten Startups dafür eine Reihe anderer Vorteile wie z.B. ein dynamisches Arbeitsumfeld, Aktien-Optionen sowie die Möglichkeit, Einfluss auf die Geschehnisse im Unternehmen zu haben.“

Aber auch Stefan Glänzer, Unternehmer und Partner bei Passion Capital, stimmt der Auffassung über die positiven Wirkung der Startups auf die Wirtschaft zu: “Ich sehe enormes Potenzial für die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch die Wachstumsbranche digitaler Startups in Deutschland. Es wird immer deutlicher, dass junge Technologie-Unternehmen einen nachhaltig positiven Einfluss auf den deutschen Arbeitsmarkt und die Wirtschaft haben. In ganz Deutschland sehen wir junge und vielversprechende Unternehmen im Aufwind.“

APPLYDie Startup-Szene wächst also und bietet so immer mehr Vertretern der Generation Y Alternativen, zum etablierten Arbeitsmarkt. Chancen und Risiken könnten sich in dieser Branche gut mit denen vieler junger Arbeitnehmer decken und auch der demographische Wandel sowie Bologna spielen den Ypsilanten hier in die Karten. Eigentlich müssen sie nur noch zupacken und loslegen. Von daher wird es Zeit Likes nur Buttons sein zu lassen, Shares für sich zu behalten und sich an den eigenen CV zu machen – denn das Geld liegt auf den Straßen Berlins und Deutschland braucht euch!

Habt ihr euch schon beworben? Ist dies eine echte Alternative für den Jobeinstieg? Ich freue mich auf eure Meinung und eine angeregte Diskussion!

“Hiermit legitimiere ich mich selbst!” – Legitimation im 21. Jahrhundert

Im Netz und den sozialen Netzwerken macht gerade ein Interview mit Russel Brand die Runde. Das Video zeigt das Gespräch, gesendet von BBC am 23.10.2013, zwischen dem Schauspieler Brand und BBC’s Jeremy Paxman. Wie viele Zuschauer hat auch mich dieser Beitrag zum Nachdenken gebracht. Die Themen die Brand in der fast feindseligen Diskussion anspricht, sind in sich ganze Blogbeiträge wert. Für mich aber blieben Fragen hängen, die sich um ein uraltes Konzept drehen, das ich hier zerlegen und im Licht des 21sten Jahrhundert begutachten möchte: Legitimation.

Wer brauch‘ schon Legitimation?

In seinem Interview soll Brand erklären, warum er (der nicht-Wähler) als Gastredakteur für das politische Magazin „New Statesman“, das in Großbritannien wöchentlich erscheint, tätig geworden ist. Vielmehr jedoch geht es um die Frage: Was Legitimiert ihn dazu? Seine Antwort: Nichts. Ich brauche keine Legitimation. Ich nehme sie mir!

Das ist ein interessanter Ansatz und wenn ich mir die Business- sowie publizistische Landschaft vor dem Hintergrund der Generation Y ansehe, habe ich das Gefühl, dass diese Intuition ein weiteres Kind der Ypsilanten ist. Warum sollte sich irgendwer in einer „freien“ Welt diktieren lassen, wozu er legitimiert ist oder nicht? Ich spreche hier nicht einmal von  vielleicht eingänglicheren Institutionen – wie die Legitimation eines Staatsoberhauptes –  sondern schlicht weg über die Legitimation zu handeln.

Wer legitimiert beispielsweise Sascha Lobo dazu, sich über Themen quer durch das öffentliche Interessenspektrum  hinweg zu äußern? Niemand. Wozu auch? Wenn es Leser findet und Leute, die darin einen Wert sehen – ist das doch Legitimation genug! Oder nicht? Entscheidet also letztlich der Erfolg, im Nachhinein, ob jemand bereits zu Beginn legitimiert war? Und wer entscheidet letztlich über diesen? Die Masse? Ist der Legitimationstitel also ur-demokratisch verliehen? Ich habe da meine Zweifel.

Legitimation und Demokratie

Legitimation und Demokratie

Legitimation und Demokratie

Sicher, in unserem poltischen Gefüge ist dieser Gedanke der „Legitimation“ gewährt durch eine höhere Instanz nicht eigen (zumindest nicht in der Demokratie, wenn sie wie geplant ausgeführt wird). Legitimation kommt durch das Volk. Zwar sind die meisten Politiker Juristen (was Legitimation durch Qualifikation andeuten könnte) – aber längst nicht alle. Ebenfalls Schreiner,  Metzger und BWLer ja sogar gänzlich professionslose Menschen können von der Masse ins Amt gehoben werden. Sie können dies, weil es das definierte Grundprinzip der Demokratie ist.

Abseits von demokratischen Systemen jedoch, wie beispielsweise in der freien Wirtschaft, sind wir süchtig nach Legitimation. Erst wenn wir die entsprechende Dosis erhalten haben, können wir uns auf Inhalte konzentrieren. Woher kommt diese „Legitimationssucht“, die stark mit dem Senioritätsprinzip verbunden scheint? Und welche Bedeutung hat sie noch im 21. Jahrhundert?

Legitimation und die Generation Y

Es scheint mir eine Wahrnehmungsdifferenz zwischen der neuen Generation und der alten zu geben: Der so oft kritisierte „Hochmut der Generation Y“ ist letztlich vielleicht nur die stille Ignoranz dieser „so angepassten Generation“ gegenüber dem Legitimationskonzept an sich. Junge Arbeitnehmer von heute fragen sich gar nicht, was sie dazu legitimiert die ein oder andere Stelle bzw. Verantwortung einzufordern.  Abseits von durch Expertentum verliehene Qualifikationen sind sie überzeugt: „Wenn ich den Job am Ende des Tages hinbekomme, ist es egal ob ich erst 35, 20 oder 16 bin!“

Legitimation: Ein Rohstoff unter zentraler Kontrolle

Lässt man sich dieses Konzept durch den Kopf gehen, kommt früher oder später das ungute Gefühl auf, es handle sich bei der Legitimation um das kontrollierte Gut einer Elite, die versucht ihren Stand zu verteidigen. Sie ist es nämlich in den meisten Fällen, die entscheidet, wer legitimiert ist und vor allem wer nicht. Nicht umsonst wächst in immer mehr jungen und jung gebliebenen Menschen der Wunsch nach der Selbstständigkeit.

Nicht die Realisation eines nach oben hin nicht gedeckelten Profits ist Treiber Nummer eins sondern Freiheit. Vor allem eine Freiheit sich nicht stets Legitimieren zu müssen und in diesem speziellen Fall die Freiheit gestalten zu können, obgleich die Legitimation durch die Senioritäten fehlt. Und dieser Gedanke ist vollkommen plausibel! In einer Welt in der Legitimation durch Vergangenes den Rohstoff jeder Tätigkeit darstellt, sehen ihre Wettbewerbsvorteile äußerst mager aus.

Aber brauchen wir Legitimation denn noch im 21sten Jahrhundert? Oder können wir einfach machen und sehen, was daraus entsteht und ob es funktioniert? Existiert sie denn überhaupt noch und wenn ja, wer hält sich noch daran?

Die bloße Machbarkeit als Legitimation der Eliten im 21sten Jahrhundert

Die bloße Machbarkeit als Legitimation

Die bloße Machbarkeit als Legitimation

Was ist Legitimation noch wert in einer Zeit, in der mehr und mehr einfach angeeignet wird und dabei auf der Täterseite nicht nur Gesetze gebrochen werden sondern auf der Opferseite eine Lethargie gegenüber den geraubten Freiheiten herrscht? Wer legitimiert beispielsweise multinationale Technologiekonzerne dazu, sich unsere Daten anzueignen und zu Geld zu machen? Niemand. Wer legitimiert diejenigen, die sie nutzen? Wir – durch den Klick unter die AGBs, ohne den der notwendige Service gar nicht nutzbar wäre? Ich bin mir nicht sicher.

Die bloße Machbarkeit scheint für die etablierte Elite bereits Legitimation genug zu sein. Sie haben Erfolg damit. Darum können sie es. Warum sollte also in Zukunft Legitimation nur noch der Seite nutzen, die sie kontrolliert? Warum sollten nicht wir alle, mit unseren Ideen, Konzepten und Neuanfängen einfach machen können? Sind wir die Opfer, die sich immer wieder selbst in die Schranken weisen? Warum pfeifen wir nicht ebenso auf Legitimation wie jene, die sie kontrollieren?

Was ist, wenn wir in Zukunft Ideen und Fähigkeiten bewerten und nicht den Status dessen, der sie mit sich bringt? Wenn wir auf Potentiale setzen anstatt in die Vergangenheit zu sehen, um Legitimationen zu finden? Was sind Legitimationen durch beispielsweise vergangene Qualifikationen noch wert, in einer „Fake it until you make it“-Gesellschaft?

Gefahren oder Einschüchterung?

Machen wir uns damit blind gegenüber verborgenen Agenden? Die potentiellen Gefahren sind offensichtlich. Wer hat nicht gleich das Bild Napoleons im Kopf, der sich selbst zum Kaiser krönt? Oder wem kriecht nicht gleich das kollektive Trauma der Deutschen in den Nacken? Wer riecht nicht Bullshit im Galopp herbeistürzen?

Aber was ist diese Vorsicht wert? Sie ist einseitig und waltet nicht bei jenen, die die Legitimationshoheit besitzen.  Und haben wir überhaupt eine andere Chance, in einer Welt in der die Nachrichten von vor drei Tagen keine Aussagekraft mehr haben? Können wir uns Diskussionen über Legitimation überhaupt noch leisten?

Back to Business

Sich selbst legitimieren?

Sich selbst legitimieren?

Was würde es für unsere soziale aber auch für unsere Businesswelt bedeuten, wenn Legitimation plötzlich nicht mehr diktiert würde? Gerade in der Wirtschaft ist die Legitimation eine konstitutionelle Säule. Vor jeder Präsentation wird auf den CV des Vortragenden eingegangen. Oft geschieht dies, in der Hoffnung, dass seine Expertise oder Position schwache Konzepte und Ideen ausglättet, seine Antworten zementiert oder kritische Fragen gleich im Keim erstickt. 

Sind es also nicht gerade diese plakativen Legitimationen, die Querdenken und kritisches Hinterfragen verhindert? Ist diese Legitimationswut nicht vielleicht der Deckelt, der uns daran hindert „out of the Box“ zu klettern – obwohl es ständig gefordert wird? Wie viele Fehlentscheidungen wurden vielleicht von Entscheidern mitgetragen, die sich haben blenden lassen durch die vermeintliche Legitimation des Vortragenden? Wo stünden wir schon heute, wirtschaftlich und auf politisch-sozialer Ebene, würden wir auf Ideen hören und nicht die Stimmen, die sie tragen?

Was hält uns davon ab, uns selbst zum freien Denken und Handeln zu legitimieren?

Ich freue mich über eine lebhafte Diskussion, konstruktive Kritik, weitere Ansätze sowie das Teilen dieses Artikels.

Am Geburtstag meiner Freundin saß ich im Zug – ein Erfahrungsbericht

Überflieger und Erfolgsstories sind die Lieblinge der Öffentlichkeit  – das trifft auf so gut wie jedes Themenfeld zu. Auch  rund um „Beruf und Karriere“ ist dies nicht anders: „Wir sind alle erfolgreich“ ist die frohe Botschaft quer durch das gesamte Spektrum an Publikationen. Und falls jemand noch nicht erfolgreich ist, gibt es unzählige Ratgeber, die beschreiben wie auch er oder sie bald zu den Auserwählten gehören kann. Das Theater beginnt schon auf der Business School, wenn jedes Jahr alle 450 Bachelorstudenten auf ihre zukünftige Position als CEO vorbereitet werden. Vom Scheitern oder gar dem regulären Sachbearbeiter-Job möchte hier niemand etwas wissen.

Ausschließlich zukünftige CEOs

Dabei entspricht dies nicht der Realität und auch in der so gehypten Generation Y gibt es viele, die hart kämpfen müssen, um überhaupt einen Job zu finden. Ich finde es aber wichtig, auch diese Seite unseres Jobmarktes zu zeigen, weswegen ich mich dazu bereit erklärt habe, hier die Geschichte von Matthias Müller (Name geändert) zu teilen. Vor einigen Wochen hat mich eine Bekannte von Enactus angeschrieben und mir von ihrem guten Freund Matthias erzählt. Er ist gut ausgebildet, jung, dynamisch, flexibel und arbeitslos. Die Erfahrungen seines Bewerbungsmarathons hat er in einem Bericht zusammengefasst und mich gebeten auf diese aufmerksam zu machen.

Im Folgenden also Matthias‘ Geschichte zwischen großen Versprechungen und leeren Phrasen auf dem Bewerbermarkt – unbearbeitet und ungeschönt:

 

Auszug aus einem Bewerbungsmarathon – Ein Erfahrungsbericht von Matthias Müller

Ich bin Diplom-Kaufmann. Ich habe eine anerkannte Weiterbildung zum Einkaufsexperten gemacht, die mich viel Geld gekostet hat. Ich habe in Deutschland und Asien studiert. Ich habe Praktika in verschiedenen Unternehmen in der Bereichen Finanzen und Einkauf gemacht. Mittlerweile habe ich drei Jahre Berufserfahrung. Ich bin jung, verantwortungsvoll, teamorientiert, engagiert, flexibel und hochmotiviert.  All das, was ein moderner Mitarbeiter mitbringen sollte. Und trotzdem habe ich Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden. Meine Erfahrungen mit den Bewerbungsprozessen der deutschen Unternehmen sind alles andere als positiv. Man hat nicht den Eindruck, dass man als junger Bewerber wirklich gefragt ist.

Mit meinem Bericht möchte ich daher auf die Probleme der Unternehmen aufmerksam machen. Manches wirkt unglaublich, aber es ist wahr. Die geschilderten Erlebnisse sind nur eine Auswahl. Natürlich habe ich noch viele Gespräche mehr geführt.

Aber fangen wir vorne an.

Im September 2008 habe ich meinen Abschluss zum Diplom-Kaufmann an einer großen Universität in Nordrhein-Westfalen gemacht. Pünktlich zum Niedergang von Lehman Brothers und dem Beginn der „Finanzkrise“. Kein Unternehmen hat damals eingestellt. Das Angebot an Arbeitskräften auf dem Markt war viel höher als die Nachfrage der Unternehmen. Für mich als motivierten Absolvierten war das die  harte Landung auf dem Boden der Tatsachen.

Aber ich hatte Glück und fand nach einigen Monaten meine erste Stelle bei einem Konzern aus der Telekommunikationsbranche. Mein Arbeitsvertrag war zunächst auf ein Jahr befristet. Beim Vorstellungsgespräch versicherte man mir noch, dass ich mir keine Sorgen machen solle und man mir  sicher nach einem Jahr eine weitere Tätigkeit im Unternehmen anbieten könne. Doch schon nach wenigen Wochen wurde mir klar, dass das nicht der Fall sein würde. Ich erfuhr von den Kollegen, dass es dem Unternehmen finanziell nicht gut ging. Nach sechs Monaten erklärte mir dann der Abteilungsleiter, dass leider nach Ablauf meines Vertrags kein Platz für mich sei.  Und wieder war ich auf der Suche.

Ich war enttäuscht, traurig und wütend und fühlte mich wie ein Verlierer. Nach zwei Monaten machte ich wieder mehr Sport und fühlte mich langsam besser. Nach drei Monaten Arbeitslosigkeit fand ich dann eine neue Stelle bei einem großen internationalen Telekommunikationsausrüster.

Die Arbeit war zunächst sehr spannend. Die Unternehmenssprache war englisch, und das Management hatte ganz andere Vorstellungen als ich das von deutschen Chefs bisher kennengelernt hatte. Ich bekam wieder einen Einjahresvertrag, der später verlängert werden sollte. Nach einem Jahr wurde der Vertrag auch wirklich verlängert, allerdings wieder nur um ein Jahr. Auf diese Weise versuchte das Unternehmen, flexibel auf den schwankenden Personalbedarf zu reagieren. Solange mein Vertrag verlängert wurde, war das für mich in Ordnung.

Durch die Arbeit in diesem Unternehmen habe ich viel gelernt und mich fachlich und persönlich weiterentwickelt. Ich war also guter Dinge, als  eine weitere Vertragsverlängerung anstand. Mein Chef sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Danach habe ich nichts mehr gehört. Fünf Wochen vor Ablauf des Vertrags sagte mir die Personalabteilung dann, dass es dem Unternehmen finanziell nicht gut gehe und mein Vertrag deshalb nicht verlängert werde. Wieder auf der Suche.

Diesmal aber war es anders.

Ich hatte Arbeitserfahrung und eine Weiterbildung zum Einkaufsexperten.  Ich dachte also, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Am Anfang sah es auch gut aus. Viele Personalberatungen kontaktierten mich über soziale Netzwerke. Ich hatte einige Gespräche, aber die Unternehmen waren der Meinung, dass ich lediglich Erfahrung in der Telekommunikationsbranche habe und daher nicht geeignet sei, um in anderen Branchen als Einkäufer zu arbeiten. Ich verstand die Argumentation nicht ganz. Letztlich macht es doch keinen Unterschied, ob ich in einem Maschinenbauunternehmen oder in einem Telekommunikationsunternehmen als Einkäufer tätig bin. Die Methoden sind immer die gleichen. Einarbeiten muss man sich ohnehin immer bei einem neuen Unternehmen. Aber die Abteilungsleiter sahen das anders.

Nachdem ich also über die Personalberatungen keinen Erfolg hatte, bewarb ich mich auf eigene Faust quer durch Deutschland. Ich bin jung, hochqualifiziert und suche einfach nur eine normale Stelle in einem normalen Unternehmen. Einfach, sollte man meinen.

Aber die Realität sieht anders aus.

Es begann mit einem Gespräch bei einem mittelständischen Unternehmen der Automobilbranche aus dem Bergischen Land. Die Stellenausschreibung passte genau zu meinem Profil, bis auf eine Kleinigkeit: Gewünscht waren verhandlungssichere Chinesisch-Kenntnisse. Ich hatte nur Grundkenntnisse, aber ich bewarb mich trotzdem. Allzu viele Bewerber mit Erfahrungen im IT Einkauf und verhandlungssicherem Mandarin konnte es ja nicht geben. Ich wurde auch eingeladen. Ich war sehr aufgeregt, weil die Stelle international und interessant war. Nach zehn Minuten Gespräch war jedoch klar, dass ich von Anfang an keine Chance hatte. Mein Profil passte perfekt, bis auf den Punkt mit den Chinesisch-Kenntnissen. Der Abteilungsleiter wurde immer nervöser und würgte meine Beteuerungen ab, meine Chinesisch- Kenntnisse gerne weiter auszubauen, indem er sagte: „Sie bringen alles mit. Aber Sie können kein Chinesisch. Und wir brauchen jemanden, der JETZT verhandlungssicher Chinesisch spricht. Nicht erst in einem Jahr.“ Natürlich wussten sie das vorher. Warum hatten sie mich dann überhaupt eingeladen? Das Gespräch dauerte insgesamt nur zwanzig Minuten. Danach wusste ich, dass es sehr wahrscheinlich einen internen Kandidaten gab und dass man die Stelle nur aus gesetzlichen Gründen ausgeschrieben hatte. Was für eine Zeitverschwendung. Enttäuscht fuhr ich wieder nach Hause.

Ein anderes Gespräch bei einem mittelständischen Touristikunternehmen in Köln verlief folgendermaßen:  Nach der üblichen Vorstellung meines Profils fragte mich der Fachabteilungsleiter, wo ich mich denn in fünf Jahren sehe. Er sagte: „Wir sind ein Unternehmen mit schlanken Hierarchien. Über mir gibt es nur noch den  Hauptabteilungsleiter und dann schon die Geschäftsführung.“  Was antwortet man auf so eine Frage? Hatte der Mann vielleicht Angst um seinen Job? Ich sagte irgendetwas von fachlich weiterentwickeln und langfristige Perspektiven suchen. Nach dem Gespräch sagte man mir, dass man sich innerhalb von zwei Wochen bei mir melden würde.

Nach einem Monat hatte ich noch immer nichts gehört.

Also fragte ich die Personalerin per E-Mail, wann ich denn mit einer Antwort rechnen könne. Weitere zwei Wochen später erhielt ich dann einen Anruf von der Personalerin. Sie teilte mir mit, dass der Fachabteilungsleiter der Meinung sei, ich habe im Bereich Verhandlungsführung nicht genügend Erfahrung und sei deshalb nicht geeignet für die Position.  Diese Begründung war interessant, weil in dem Vorstellungsgespräch gar nicht von Verhandlungsführung die Rede gewesen war. Woher wusste der Fachabteilungsleiter, wie gut ich in diesem Bereich war? Anscheinend hatte der Mann wirklich Angst vor mir. Schließlich hatte er nur einen Bachelor-Abschluss, während ich ein Diplom und eine anerkannte Weiterbildung im Bereich Einkauf vorweisen kann.

Es folgten unzählige Bewerbungen und viele weitere Gespräche. Manchmal wurden im Vorstellungsgespräch ganz andere Stellen besprochen als die, auf die ich mich beworben hatte. Ein Unternehmen lehnte mich für dieselbe Stelle zwei Mal ab und lud mich dann doch ein zum Gespräch, um mich wieder abzulehnen. Ein Konzern aus dem Bereich Anlagenbau aus Franken sagte mir, dass ich ein „Job Hopper“ sei, da ich schon zwei Mal in drei Jahren den Job gewechselt hatte. Aber das ist ganz normal heutzutage. Es stoßen wirklich Welten aufeinander, wenn man als junger Akademiker mit Mitarbeitern von deutschen Unternehmen spricht, die schon seit dreißig oder mehr Jahren beim selben Unternehmen und in derselben Abteilung arbeiten. Natürlich verstehen diese Mitarbeiter nicht, wenn wir in den unsicheren Zeiten heute immer wieder das Unternehmen wechseln müssen.

Irgendwann reichte es mir und ich beschloss, etwas Neues zu versuchen. Ich bewarb mich bei einem Dienstleistungsunternehmen, dass für einen großen deutschen Automobilhersteller Projektmanagement macht, auf eine Stelle in China. Tatsächlich wurde ich wenige Tage später zu einem Telefoninterview mit der Personalmanagerin des Unternehmens eingeladen. Das Gespräch lief gut und die Dame sagte mir, dass sie schon wüsste, auf welche Projekte ich passen könnte. Wenige Tage später bekam ich dann einen Termin für ein weiteres Telefoninterview mit dem Geschäftsführer in China. Drei Mal wurde der Termin verschoben und ich zweifelte schon daran, ob das Unternehmen überhaupt noch Interesse hatte. Nach dem Gespräch vergingen dann wieder drei Wochen, bis der Geschäftsführer sich per E-Mail meldete und mir ein Angebot machte.

Endlich, ich hatte ein Angebot, eine Zusage!

Ich war schon dabei, meine Impfungen aufzufrischen und mich auf China einzustimmen. Ich verhandelte noch ein bisschen über die Konditionen und einigte mich dann recht schnell mit dem Geschäftsführer. Nur der Starttermin war noch nicht geklärt. Eine Woche später meldete sich der Geschäftsführer dann wieder bei mir und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, zuerst ein Projekt in Deutschland zu unterstützen. Mein Profil würde genau passen und ich könnte ja auf diesem Wege schon mal die Prozesse kennen lernen. Da ich ja motiviert und flexibel bin, sagte ich zu. Am Geburtstag meiner Freundin saß ich dann im Zug, um den Hauptkunden des Unternehmens in Deutschland kennen zu lernen. Ich hatte bereits vertrauliche Informationen zu den Projekten per E-Mail erhalten. Sicher würde ich vor Ort den Arbeitsvertrag zur Unterschrift erhalten, dachte ich. Aber nichts dergleichen passierte. Der Kundentermin verlief normal. Am Ende musste ich für dreißig Minuten den Raum verlassen, während die Kollegen mit dem Kunden sprachen. Als sie dann zurückkamen, erklärten sie mir, dass ich „zu glatt“ rübergekommen wäre. Was sie damit meinten, erklärten sie nicht.

Danach hatte das Unternehmen drei Wochen Sommerpause (Betriebsferien). Jetzt warte ich seit inzwischen zwei Monaten auf eine Rückmeldung. Ich habe ein Angebot, aber noch immer keine Arbeitsvertrag. Auf wiederholte Nachfragen an den Geschäftsführer in China erhielt ich keine Antwort. Für mich sieht es so aus, als ob der Geschäftsführer in China eigenmächtig das Angebot gemacht hätte, ohne die Zentrale in Deutschland zu fragen. Die Kollegen in Deutschland waren darüber wahrscheinlich nicht erfreut und stellen sich jetzt quer. Aber das ist nur eine Vermutung. Ich habe bis jetzt keine Information bekommen, was los ist.  Aber es muss weitergehen – ich kann nicht ewig warten. Ich bin jung, gut ausgebildet, motiviert, flexibel – und immer noch ohne Arbeit.

Natürlich sind Bewerbungsprozesse nach außen hin intransparent und die Auswahl der Bewerber subjektiv. Aber kann es sein, dass man drei Monate oder länger auf eine Antwort warten muss? Oder einfach in vielen Fällen gar keine Antwort erhält? Wie kann es sein, dass die Unternehmen so langsam und unflexibel sind, wenn sie dringend ihre Stellen besetzen wollen? Oft treffen Welten aufeinander, wenn ein Mittvierziger mit 25 oder mehr Jahren Berufserfahrung in einem Unternehmen auf die Generation Y trifft. Wir sind gut ausgebildet, haben internationale Erfahrungen und sind flexibel. Schon die Tatsache, dass man Zeit im Ausland verbracht wird, wird manchmal negativ gesehen, da die Unternehmen Angst haben, uns nicht lange halten zu können. Aber was heißt lange? Man arbeitet heute nicht mehr zwanzig oder mehr Jahre im selben Unternehmen. Diese Zeiten sind vorbei.

Ich frage mich, ob ich etwas falsch gemacht habe.

Aber ich weiß, dass ich nicht der Einzige mit solchen Problemen bin. Viele junge Leute sind in  einer ähnlichen Situation. Ein Hochschulstudium ist längst keine Garantie mehr für einen sicheren Arbeitsplatz. Es gibt keine Garantien mehr.

Mit diesem Text möchte ich aufmerksam machen auf die Situation der jungen Bewerber. Motiviert, gut ausgebildet und trotzdem schwer unterzubringen. Viele Unternehmen sind leider nicht in der Lage, ihre Bewerbungsprozesse richtig zu managen. Hier besteht noch viel Optimierungsbedarf. Vielleicht sollte ich mich mal als Berater bewerben, um die Bewerbungsprozesse zu verbessern…“

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